Es gibt sie ja immer wieder, die Artikel, die groß ankündigen, was das „Next Big Thing“ sein wird. Im Spirituosenbereich kommt da des öfteren auch Mezcal zur Sprache – ich halte das mehr für eine Art Marketingoffensive und Wunschdenken als für Realität. Mezcal hat zwar ohne Frage das Potenzial, die Spirituosenwelt aufzurollen und sich auch in der Breite bei den Konsumenten durchzusetzen, doch zwei Dinge sprechen für mich einfach dagegen, die sich auch in mittelfristiger Zukunft nicht großartig ändern werden. Erstens, die Produktionssicht. Guten Mezcal zu machen ist aufwändig, das Basismaterial ist knapp, die gesamte Tradition widerspricht dem Gedanken, das Endprodukt großartig auf Masse zu skalieren, und der Preis eines guten Mezcals macht ihn nicht zur Supermarktware. Ein paar seelenlose Pseudomezcals findet man ja heutzutage schon, sowas braucht man meines Erachtens gar nicht. Und die andere Seite ist die des Geschmacksprofils, das nicht schmeichelnd und braun ist, sondern oft eher hocharomatisch, komplex und nicht ganz einfach zu verstehen und genießen.
Daher ist es wichtig, dass potenzielle Konsumenten die Möglichkeit haben, Mezcal erstmal kennenzulernen und erste Schritte zu gehen. Nicht, um einen Hype auszulösen, sondern um ein grundliegendes Verständnis zu promoten, denn eine Kategorie wie Mezcal braucht das. Mit dem Læpoca Mezcal Premium Tasting-Set wäre soetwas möglich, denke ich, wenn man über das Sonderzeichen im Namen hinwegkommt, der natürlich trotzdem einfach „La Epoca“ ausgesprochen wird. Das Set beinhaltet drei Sorten Mezcal, einen reinsortigen Espadín, eine Agavenmischung (ein „Ensamble“), und einen reinsortigen Cuishe. Alle sind natürlich 100% Agave, in der Artesanal-Herstellungskategorie produziert (was bedeutet, dass industrialisierte Methoden und Werkzeuge nur sehr eingeschränkt genutzt werden können), und ungereift („joven“). Sie stammen aus der Stadt San Dionisio Ocotepec in Oaxaca, dem Zentrum der Mezcalherstellung; als Brennerei wird Destiladora de Maguey y Mezcal Santa Fátima S.A. de C.V. angegeben. Der Wahlspruch „From Mexico to the Alps“, der die Flaschen ziert, definiert die Idee hinter dem Unternehmen; der Importeur sitzt in Liechtenstein. Gehen wir die drei Mezcals, die in dem Tasting-Set enthalten sind, einfach zusammen durch.
Nehmen wir uns den Læpoca Mezcal Espadín als erstes vor. Er ist hergestellt zu 100% aus der namensgebenden Espadín-Agave (agave angustifolia) und wird eingestellt auf 38% Alkoholgehalt, ein niedriger Wert, aber aktuell gar nicht ungewöhnlich und insbesondere in Mexiko selbst durchaus beliebt. Im Veladora-Glas wirkt er sehr klassisch, natürlich kristallklar, mit einer ansprechenden, aber noch nicht fettigen Viskosität, die eine Kante am rilligen Glas hinterlässt, aus der Tropfen dann mit Geschwindigkeit aufnehmender Art ablaufen.
Die Nase wirkt zunächst leicht säuerlich, für mich eher in Richtung Apfelessig und Verjus, mit einem Hauch von warmem, leicht speckigem Rauch. Die Typizität der Agave zeigt sich sofort, grüne und vegetabile Noten bilden sich ohne zu zögern. Eher leichtvolumig gestaltet wirkt der Mezcal, ein bisschen Tiefe und Breite vermisse ich, ebenso wie die Komplexität, die die Agave von sich aus anbietet.
Vom Antrunk bis zum Schluss ist der Læpoca Espadín extrem sanft, mit einer leichten natürlichen Süße, die alles begleitet. Die Aromen sind zurückhaltend, schwanken zwischen grüner frischer und karamellisierter gekochter Agave. Diese ist gut ausgeprägt und angenehm, zeigt sich aber für meinen Geschmack etwas eindimensional und ohne Spannung. Der Abgang ist dunkel, kakaolastig, ganz mild bitter und mit einer dezenten Chiliwärme an den Zungenseiten, aber nie scharf oder kantig. Der Nachhall ist voller Jasminblüte, die alles übernimmt und das runde, warme Mundgefühl stützt; die Aromen bleiben sehr lange am Gaumen.
Ein sehr milder Mezcal, der niemanden überfordert, aber den Kenner, ehrlich gesagt, ziemlich kalt lassen wird. Handwerklich ist das makellos gemacht, aber auch ohne Inspiration – ich vermute, es ist für eine Zielgruppe gedacht, die eher eine Mixspirituose haben will, die sich gut in ein Rezept einpasst. Sogar da hätte ich aber persönlich gern etwas mehr Charakter.
Diesen hoffe ich nun im Læpoca Mezcal Ensamble zu finden. Ein Ensamble ist kein sortenreiner Mezcal, sondern aus verschiedenen Agavensorten zusammengestellt; das kann ein Blend sein, aber auch bereits beim Fermentieren aus einer Agavenmischung stammen. Hier wird die Espadín-Agave (40% Anteil) mit Cuishe, Tobalá und Tepeztate (je 20% Anteil) ergänzt. Allein schon, dass er auf 46% Alkoholgehalt eingestellt ist, deutet für mich schon darauf hin, dass wir hier einen anderen Kaliber probieren werden als den zuvor.
Man erkennt beim Drehen auch direkt eine sehr ansprechende Öligkeit, die Flüssigkeit schwappt schwer im Glas, und hinterlässt üppige Glaswandeffekte. Kristallklar ist er, wie es sein soll. Für die Nase bietet sich ein wirklich wunderbares, farbenprächtiges Agavenbild – sehr grün, sehr braun, mit ein bisschen gelb. Die frische Agave ist das grüne, eine karamellisierte, erdige und leicht holzige Seite das braune, die offensive Frucht das gelbe. Integriert und gleichzeitig vielseitig, hier finde ich wirklich die Komplexität, die ich zuvor vermisste. Kiefer, Mandarine, Bitterschokolade und Basilikum, da gibt es richtig viel zu entdecken, ohne Störeffekte, mit einem Anflug von Rauch.
Auch am Gaumen wird deutlich, dass man nun in einer anderen Liga spielt. Initial erstmal etwas zurückhaltend, mit feiner Struktur und milder Süße, explodiert der Læpoca Ensamble dann geradezu, mit würzigen, grünen und spannenden Aromen von Wintergrün, gekochter Agave, Blattschnitt und Geranien, und grünem Pfeffer. Schnell kommt eine hübsche Floralität dazu, die sich bis zum Nachhall hält, während im Untergrund dunkle Kakao- und Kaffeearomen eine schwere Basis bilden. Eine ausgesprochen schöne Bittere bildet sich heraus, mit etwas Grapefruit, ideal verbunden mit der schweren, fetten Textur, die alles trägt. Ein warmes Brummen bleibt erhalten, der Alkohol ist perfekt eingebunden. Der Abgang ist mittellang, zeigt sich dann mit allen zuvor gefundenen Aspekten nochmal neu, mit dominierender Agave.
Das ist ein Mezcal, wie ich ihn liebe – arkadisch, agavebeherrscht, mit eleganter Struktur und trotzdem wuchtigem Charakter, aromatisch, ganz vorsichtig rauchig, ohne dabei zu streng zu werden. Ein tolles Beispiel für jeden, der in die Kategorie einsteigen will.
Die Hürde, die nun anliegt, ist deutlich höher für den Læpoca Mezcal Cuishe, namensgebend vollständig aus Cuishe (Agave karwinskii) gemacht, auch hier auf 46% Alkoholgehalt eingestellt. Diesen trinke ich aus einem handgemachten mexikanischen Caballito, in das am Boden ein kleiner Glassombrero eingelassen ist – für mich steigt der Genuss, wenn ich ein hübsches Trinkgefäss nutze. Man sieht auch in ihm die wichtigen optischen Details, wie die leichte Viskosität und die kristallene Klarheit.
Die Nase ist durchaus eigenwillig, man beginnt die Reise hier mit einer leichten Säurenote, gemischt in etwa aus Schmand und Limettenzeste, direkt begleitet von einem effektiven Kaltrauch, der überhaupt nicht speckig wirkt, sondern mehr an abgekühlte Holzkohle vom Lagerfeuer erinnert. Die Frucht der Limette wird im Verlauf weiter aufgegriffen, weniger zestig, dafür weiterhin ätherisch, als Kopfnote zu der schwereren Mango und Ananas, die sich darunter in Stellung bringt. Nicht, dass man nun denkt, dass hier eine Fruchtbombe vorliegt, das ganze bleibt sehr grün und klar, die Agave ist stark ausgeprägt und frisch, kein bisschen karamellisiert.
Noch pflanzlicher erscheint der Læpoca Cuishe dann am Gaumen, richtig dunkelgrün, balsamisch, voller Blattschnitt und dann sogar ins Eukalyptus übergehend, mit einem minimalen mentholischen Beihall. Sehr frisch, vom Antrunk an deutlich trocken mit spürbarer Astringenz, im späten Verlauf sogar staubtrocken wirkend. Eiskalt liegt das am Gaumen, hauchig und dennoch mit ordentlich Volumen versehen. Diese Struktur ist faszinierend, sie passt zum mineralischen und frischgrünen Charakter des Brands. Ein Hauch von laktischen Noten blitzt ab und zu auf, später auch weißer Pfeffer und Ideen von aromatischem Duftholz und einem Tick harzigem Fichtenzapfen. Der Abgang ist lang, trocken und kalt, bleibt aber mit beharrlicher Salzigkeit am Gaumen, wenn noch ein bisschen Geranie und Aquariumkies nachklingt.
Ganz anders wiederum als die beiden Vorgänger, hier präsentiert sich die Agave pur und rein, aber auch ein bisschen schwieriger zu verstehen. Ein Brand, dem man Zeit geben muss, in den man dann aber auch sehr tief eintauchen kann, ohne dass einem langweilig wird – ein Bücherwurm, keine Partymaus, das ist sicher. Sehr spannend und beeindruckend!
Ich gebe zu, ich bin kein großer Fan von extrem aromatischen Spirituosen in Cocktails. Ein Cocktail sollte immer ausgeglichen und nicht von einem Aspekt kontrolliert sein, und bei Bränden wie Baijiu, Mezcal oder Hochesterrum passiert sehr oft genau das. Mit den Laepoca-Mezcals kann man eigentlich gut mixen, der Loaded Pistol beispielsweise braucht keinen superrauchigen Mezcal, um seinem Namen gerecht zu werden.
Loaded Pistol
1½oz / 45ml Mezcal
¾oz / 23ml süßer Wermut
½oz / 15ml Strega
1 Spritzer Grapefruit Bitters
Auf Eis rühren.
In einem Tumbler mit Eis und einem Gusano-Salz-Rand servieren.
[Rezept nach Erick Castro]
Das Tasting Set von Laepoca ist toll gestaltet, ein aufwändiger Karton zum aufklappen, in dem die drei 100ml-Fläschchen liegen. Schöne Illustrationen, die sich vom Karton auch auf die beigelegten Informationsbroschüren fortsetzen. Besonders mag ich das Tasting Wheel, das sowohl dem Anfänger als auch dem Kenner helfen wird. Das Sonderzeichen im Namen soll natürlich der Aufmerksamkeit dienen, es wird aber nicht helfen, sondern eher schaden, denn das macht sowohl Aussprache als auch Suche danach schwieriger, als das Set es verdient hätte.



Insgesamt ein großartiges Set, das insbesondere dem interessierten Neuling einen Einblick darin gibt, dass die unterschiedlichen Agavensorten und Herstellungsarten wirklich einen enormen Unterschied ausmachen – ich bewundere den Mut, den die Abfüller hier beweisen, so komplexe Spirituosen in einem Tastingset, das von der Gestaltung her eher den Anfänger anspricht, zu verpacken, ich hatte nicht damit gerechnet. Bepreist ist das ganze mit rund 50€, ein vernünftiger Preis – wem das teuer vorkommt, muss sich vielleicht nochmal vor Augen führen, wie viel Arbeit in der Herstellung eines Artesanal-Mezcals steckt. Ich für meinen Teil bin immer froh, wenn sich einsteigerfreundliche und dennoch ehrliche, hochqualitative Produkte hierzulande verbreiten. Beides muss zusammen kommen; niemand ist mit billigschlechtem Neulingssprit gedient. Und Læpoca macht das schon echt gut.
Offenlegung: Ich danke Læpoca Mezcal für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Tasting-Sets.
































